Aus: „Badische Zeitung“ vom 7.10.2024

Georg Rudiger: „Lucretias Hoffnung auf eine bessere Zukunft“ „The Rape of Lucretia“ auf leerer Bühne. Mehr braucht die Opera Factory Freiburg nicht, um packendes Musiktheater zu machen.

Bei Benjamin Brittens 1946 uraufgeführter Kammeroper „The Rape of Lucretia“, mit der das von Klaus Simon gegründete Musiktheaterensemble sein 30-jähriges Jubiläum feiert, verzichtet Regisseur Joachim Rathke im Freiburger E-Werk komplett auf ein Bühnenbild. Und setzt stattdessen einen präzise agierenden Bewegungschor ein […], der die Szene öffnet oder verdichtet, der mal individuell geführt ist oder als starkes Kollektiv fungiert, mit Masken oder ohne, mal empathisch, mal kriegerisch […].
Mit dieser klugen Idee strukturiert der Regisseur nicht nur die Bühne, sondern führt auch neben den beiden Erzählerfiguren […] eine zusätzliche Kommentarebene ein, die das etwas steif vermittelte Geschehen lebendiger und nahbarer macht. Die stimmigen Videos von Frank Böttcher zeigen Bilder vom Krieg.
Eigentlich sollten laut Brittens Regieanweisung die beiden Erzählfiguren während der ganzen Oper auf den Seiten der Bühne sitzen. Warum sie die im Jahr 500 vor Christus spielende Geschichte immer wieder christlich deuten und beispielsweise am Ende der Oper nach dem Suizid Lucretias, die auf diese Weise nach ihrer Vergewaltigung durch Prinz Tarquinius ihre Ehre wiederherstellen möchte, Hoffnung durch den Kreuzestod Christi verbreiten, erschließt sich nicht.
Rathke macht aus dem Male und Female Chorus zwei Kriegsreporter mit Helm und schusssicherer Weste, die für „Christ-TV“ arbeiten (Ausstattung: Claudia Spielmann-Hoppe). Dieser Eingriff funktioniert ebenfalls erstaunlich gut, weil auch hier die Regie eine große Variabilität in den Auftritten schafft - manchmal verschwinden beide auch ganz - und nahe am Text bleibt. Den Bericht über die Aufstände der Römer gegen die Etrusker im zweiten Akt sprechen sie in römischer Gefangenschaft. Für die finale christliche Deutung schauen die beiden wieder ins Gebetsbuch, das Siri Karoline Thornhill schließlich auf den Boden pfeffert. […]
Am Ende erhebt sich Lucretia aus dem Leichenberg. Und hofft mit strenger Miene vielleicht doch noch auf eine bessere Zukunft.



Aus: Ioco-Rezension vom 8.10.2024

Peter Schlang: „Wo Grenzen der Kunst ausgetestet und Musikdramatik auf höchstem Niveau zelebriert wird: Die Opera Factory Freiburg feiert mit einer mitreißenden Aufführungsserie von Benjamin Brittens „The Rape of Lucretia“ im Freiburger E-Werk ihr dreißigjähriges Bestehen.“

Im Herbst 1993 hat Klaus Simon, damals noch Student an der Freiburger Musikhochschule, neugierige und begeisterungsfähige Kommilitoninnen und Kommilitonen um sich geschart und mit der „Young Opera Company“ den Grundstock für die heutige „Opera Factory Freiburg“ geschaffen. Aus diesem Kreis die Grenzen der Musik und ihrer Dramaturgie austestender und risikobereiter junger Musizierenden hat sich im Laufe der Jahre ein höchst professionelles und experimentierfreudiges SpezialistInnen-Ensemble entwickelt, das für Opernproduktionen von allerhöchster Qualität steht.
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Schließlich dürfte aber auch die für die „Opera Factory Freiburg“ wie maßgeschneidert wirkende Besetzung des Vokal- wie des Instrumental-Ensembles ein Auswahlgrund gewesen sein. Diese besteht aus zwölf Instrumentalisten, die sich aus je fünf Bläsern und Streichern sowie Schlagzeug und einer für den Klang und musikalischen Ausdruck der Partitur sehr bedeutsamen Harfe zusammensetzen, womit der Komponist die Kleinstfassung eines Sinfonie- Orchesters geschaffen hat.
Dazu gesellen sich im Vokalbereich vier Sängerinnen und Sänger, von denen je eine/r die Rolle des in der Tradition des antiken Chores beobachtenden und kommentierenden Kollektivs bzw. des im barocken Oratorium die Handlung erläuternden und vorantreibenden Evangelisten übernimmt.
Schließlich kommt in dieser Freiburger Produktion bzw. in deren Regie-Konzeption noch ein aus sieben jungen Frauen bestehender „stummer Bewegungschor“ zum Einsatz, welcher dieHandlung tänzerisch-pantomimisch kommentiert, bebildert und teilweise auch ergänzt.
[…]
Das Regie-Duo aus Joachim Rathke und Claudia Spielmann-Hoppe, die nicht nur wie im Programmheft irrtümlich angegeben für die Ausstattung der Oper verantwortlich zeichnet, sondern an der gesamten Konzeption gleichberechtig mitgewirkt hat, findet für diese wie erwähnt leider zeitlose Handlung und deren Thematik eindrucksvolle, äußerst theaterwirksame und schlüssig-eingängige Bilder.
Dazu gehört der kluge und gleich mehrfach wirksame Einfall, die Darstellerin des Female Chorus, die anfänglich noch etwas unsicher wirkende, dann aber die diese schwere Rolle vorzüglich und durchweg sicher gestaltende Sopranistin Siri Karoline Thornhill, und den Darsteller des Male Chorus, den in allen Facetten fabelhaften und sich zum Solisten des Abends aufschwingenden Tenor Daniel Johannsen, als Team eines christlichen Fernsehsenders zu filmischen Berichterstattern und Kommentatoren des Geschehens zu machen.
Diese Idee liefert dem Publikum nicht nur eine mögliche Erklärung und einen schlüssigen Beweis für die christliche Umdeutung von Lucretias Schicksal durch Britten und seinen Librettisten Ronald Duncan sowie die dahinter verborgene Vereinnahmung von Lucretias Tugend- und Standhaftigkeit und deren Verklärung zum Reinheitsideal durch die Katholische Kirche - ungeachtet ihrer eigentlich von der Kirche geächteten Suizids.
Vielmehr ermöglicht dieser Regiekniff Regie und Darstellern auch weitere Verweise auf aktuelle Zustände und Themen. So wird man auf fast schon erschütternde Weise an die Einschränkung und Bedrohung der Medienfreiheit in Diktaturen und Kriegsgebieten erinnert, wenn der als Geheimpolizei agierende Bewegungschor (Choreografie: Stefanie Verkerk) den wie Kriegsreporter ausgestatteten und durch Helme und schuss-sichere Westen geschützten Fernsehreportern Kamera und Mikrofon entwendet und sie in Fesseln legt.
Auch die zwischen den Sängerinnen und Sängern und dem im hinteren Bühnendrittel platzierten Orchester aufgespannte Projektionsfläche illustriert mit behutsam eingestreuten Bildzitaten und Filmsequenzen das vielfältige Thema von Gewalt, Krieg und Terror, vor allem, aber nicht nur, gegen Frauen.
Die ganz in weiß gekleideten drei Frauen - das sind neben Sybille Fischer als verletzlich-sensible wie glaubhaft widerstrebende Titelheldin deren ehemalige Amme und jetzige Dienerin Bianca in Person der zweiten Altistin Barbara Ostertag und die junge, äußerst verheißungsvolle Sopranistin Leonor Pereira Pinto als Magd Lucia - kontrastieren auf den ersten Blick etwas plakativ mit den schwarzen Uniformen und Herrschafts-Gewändern nachempfundenen Kostümen der drei männlichen Rollen.
Bei genauerer Betrachtung verweist diese farbliche Gegenüberstellung aber nicht nur auf antike und andere historische Vorbilder und Verwandtschaften, sondern dient auch der theaterwirksamen Verfremdung und Verdeutlichung von charakterlichen und geschlechterspezifischen Eigenschaften.
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Darstellerisch-sängerisch stehen die drei männlichen Solisten ihren Kolleginnen in nichts nach.
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So verbindet sich nach diesem eindrucksvollen Dienstagabend im dafür bestens geeigneten Freiburger E-Werk der Glückwunsch zu dieser gelungenen Jubiläumsproduktion mit der Hoffnung auf viele weitere erfolgreiche und wie bisher produktive Jahre der Freiburger Opera Factory – für sie selbst und ihre umtriebigen Gestalter und Mitwirkenden, aber auch für die vielseitige Kulturstadt Freiburg und deren aufgeschlossenes, neugieriges Musikpublikum.



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