Bei Benjamin Brittens 1946 uraufgeführter Kammeroper „The Rape of
Lucretia“, mit der das von Klaus Simon gegründete Musiktheaterensemble
sein 30-jähriges Jubiläum feiert, verzichtet Regisseur Joachim Rathke
im
Freiburger E-Werk komplett auf ein Bühnenbild. Und setzt stattdessen
einen
präzise agierenden Bewegungschor ein […], der die Szene öffnet oder
verdichtet, der mal individuell geführt ist oder als starkes Kollektiv
fungiert, mit
Masken oder ohne, mal empathisch, mal kriegerisch […].
Mit dieser klugen Idee strukturiert der Regisseur nicht nur die Bühne,
sondern
führt auch neben den beiden Erzählerfiguren […] eine zusätzliche
Kommentarebene ein, die das etwas steif vermittelte Geschehen
lebendiger
und nahbarer macht. Die stimmigen Videos von Frank Böttcher zeigen
Bilder
vom Krieg.
Eigentlich sollten laut Brittens Regieanweisung die beiden
Erzählfiguren
während der ganzen Oper auf den Seiten der Bühne sitzen. Warum sie die
im
Jahr 500 vor Christus spielende Geschichte immer wieder christlich
deuten
und beispielsweise am Ende der Oper nach dem Suizid Lucretias, die auf
diese Weise nach ihrer Vergewaltigung durch Prinz Tarquinius ihre Ehre
wiederherstellen möchte, Hoffnung durch den Kreuzestod Christi
verbreiten,
erschließt sich nicht.
Rathke macht aus dem Male und Female Chorus zwei Kriegsreporter mit
Helm und schusssicherer Weste, die für „Christ-TV“ arbeiten
(Ausstattung:
Claudia Spielmann-Hoppe). Dieser Eingriff funktioniert ebenfalls
erstaunlich
gut, weil auch hier die Regie eine große Variabilität in den Auftritten
schafft -
manchmal verschwinden beide auch ganz - und nahe am Text bleibt. Den
Bericht über die Aufstände der Römer gegen die Etrusker im zweiten Akt
sprechen sie in römischer Gefangenschaft. Für die finale christliche
Deutung
schauen die beiden wieder ins Gebetsbuch, das Siri Karoline Thornhill
schließlich auf den Boden pfeffert. […]
Am Ende erhebt sich Lucretia aus dem Leichenberg. Und hofft mit
strenger
Miene vielleicht doch noch auf eine bessere Zukunft.
Im Herbst 1993 hat Klaus Simon, damals noch Student an der Freiburger
Musikhochschule, neugierige und begeisterungsfähige Kommilitoninnen und
Kommilitonen um sich geschart und mit der „Young Opera Company“ den
Grundstock für die heutige „Opera Factory Freiburg“ geschaffen. Aus diesem Kreis
die Grenzen der Musik und ihrer Dramaturgie austestender und risikobereiter
junger Musizierenden hat sich im Laufe der Jahre ein höchst professionelles und
experimentierfreudiges SpezialistInnen-Ensemble entwickelt, das für
Opernproduktionen von allerhöchster Qualität steht.
[…]
Schließlich dürfte aber auch die für die „Opera Factory Freiburg“ wie
maßgeschneidert wirkende Besetzung des Vokal- wie des Instrumental-Ensembles
ein Auswahlgrund gewesen sein. Diese besteht aus zwölf Instrumentalisten, die
sich aus je fünf Bläsern und Streichern sowie Schlagzeug und einer für den Klang
und musikalischen Ausdruck der Partitur sehr bedeutsamen Harfe
zusammensetzen, womit der Komponist die Kleinstfassung eines Sinfonie-
Orchesters geschaffen hat.
Dazu gesellen sich im Vokalbereich vier Sängerinnen und Sänger, von denen je
eine/r die Rolle des in der Tradition des antiken Chores beobachtenden und
kommentierenden Kollektivs bzw. des im barocken Oratorium die Handlung
erläuternden und vorantreibenden Evangelisten übernimmt.
Schließlich kommt in dieser Freiburger Produktion bzw. in deren Regie-Konzeption
noch ein aus sieben jungen Frauen bestehender „stummer Bewegungschor“ zum
Einsatz, welcher dieHandlung tänzerisch-pantomimisch kommentiert, bebildert und
teilweise auch ergänzt.
[…]
Das Regie-Duo aus Joachim Rathke und Claudia Spielmann-Hoppe, die nicht nur
wie im Programmheft irrtümlich angegeben für die Ausstattung der Oper
verantwortlich zeichnet, sondern an der gesamten Konzeption gleichberechtig
mitgewirkt hat, findet für diese wie erwähnt leider zeitlose Handlung und deren
Thematik eindrucksvolle, äußerst theaterwirksame und
schlüssig-eingängige Bilder.
Dazu gehört der kluge und gleich mehrfach wirksame Einfall, die Darstellerin des
Female Chorus, die anfänglich noch etwas unsicher wirkende, dann aber die diese
schwere Rolle vorzüglich und durchweg sicher gestaltende Sopranistin Siri Karoline
Thornhill, und den Darsteller des Male Chorus, den in allen Facetten fabelhaften
und sich zum Solisten des Abends aufschwingenden Tenor Daniel Johannsen, als
Team eines christlichen Fernsehsenders zu filmischen Berichterstattern und
Kommentatoren des Geschehens zu machen.
Diese Idee liefert dem Publikum nicht nur eine mögliche Erklärung und einen
schlüssigen Beweis für die christliche Umdeutung von Lucretias Schicksal durch
Britten und seinen Librettisten Ronald Duncan sowie die dahinter verborgene
Vereinnahmung von Lucretias Tugend- und Standhaftigkeit und deren Verklärung
zum Reinheitsideal durch die Katholische Kirche - ungeachtet ihrer eigentlich von
der Kirche geächteten Suizids.
Vielmehr ermöglicht dieser Regiekniff Regie und Darstellern auch weitere Verweise
auf aktuelle Zustände und Themen. So wird man auf fast schon erschütternde
Weise an die Einschränkung und Bedrohung der Medienfreiheit in Diktaturen und
Kriegsgebieten erinnert, wenn der als Geheimpolizei agierende Bewegungschor
(Choreografie: Stefanie Verkerk) den wie Kriegsreporter ausgestatteten und durch
Helme und schuss-sichere Westen geschützten Fernsehreportern Kamera und
Mikrofon entwendet und sie in Fesseln legt.
Auch die zwischen den Sängerinnen und Sängern und dem im hinteren
Bühnendrittel platzierten Orchester aufgespannte Projektionsfläche illustriert mit
behutsam eingestreuten Bildzitaten und Filmsequenzen das vielfältige Thema von
Gewalt, Krieg und Terror, vor allem, aber nicht nur, gegen Frauen.
Die ganz in weiß gekleideten drei Frauen - das sind neben Sybille Fischer als
verletzlich-sensible wie glaubhaft widerstrebende Titelheldin deren ehemalige
Amme und jetzige Dienerin Bianca in Person der zweiten Altistin Barbara Ostertag
und die junge, äußerst verheißungsvolle Sopranistin Leonor Pereira Pinto als Magd
Lucia - kontrastieren auf den ersten Blick etwas plakativ mit den schwarzen
Uniformen und Herrschafts-Gewändern nachempfundenen Kostümen der drei
männlichen Rollen.
Bei genauerer Betrachtung verweist diese farbliche Gegenüberstellung aber nicht
nur auf antike und andere historische Vorbilder und Verwandtschaften, sondern
dient auch der theaterwirksamen Verfremdung und Verdeutlichung von
charakterlichen und geschlechterspezifischen Eigenschaften.
[…]
Darstellerisch-sängerisch stehen die drei männlichen Solisten ihren Kolleginnen in
nichts nach.
[…]
So verbindet sich nach diesem eindrucksvollen Dienstagabend im dafür bestens
geeigneten Freiburger E-Werk der Glückwunsch zu dieser gelungenen
Jubiläumsproduktion mit der Hoffnung auf viele weitere erfolgreiche und wie bisher
produktive Jahre der Freiburger Opera Factory – für sie selbst und ihre umtriebigen
Gestalter und Mitwirkenden, aber auch für die vielseitige Kulturstadt Freiburg und
deren aufgeschlossenes, neugieriges Musikpublikum.