Die Kieler Oper hat einen Lauf: Nach dem
hervorragenden
Verdi-“Otello“ begeistert jetzt die Ausgrabung einer
vergessenen Barockoper von Alessandro Scarlatti. In der
durch Urban Dance aufgepeppten „Il Cambise“-Regie von
Joachim Rathke animiert der Dirigent Alessandro Quarta eine
tolle Sängerriege.
Die Seele windet sich, die Adern gefrieren, Krämpfe durchbeben die
Körper,
Schauerwellen durchziehen die Organismen ... Was die Musik schnellen
Läufen,
Trillern und kühnen Sprüngen anvertraut, offenbart sich im Tanz auf
andere, aber
nicht minder „sprechende“ Weise. Die Barockoper feiert ihren Triumph
hier in
ästhetischer Umfärbung.
Der Regisseur Joachim Rathke hat für die allemal heikle Aufgabe, eine
äußerlich
relativ statische Reihung von Bravourarien szenisch als emotionale
Affekt-
Spiegelung zu mobilisieren, einen achtköpfigen Trumpf aus Berlin
gezogen: Die
Choreografin Anja Jadryschnikova motiviert ihre auf ganz andere Musik
spezialisierte Urban-Dance-Compagnie dazu, ihre wundersamen
Bewegungsimpulse mal auf Opernkunst des beginnenden 18. Jahrhunderts
anzuwenden.
Jenny Freitag-Praxmarer, Elin Karlsson, Nicole Kufeld, Beverly D.
Renekouzou,
Andy Schmidt, Gio Sousa, Martin Thomas und Liam Wustrack sind eine
Wucht. Die
Zuckungen ihrer Schatten- und Doppelfiguren unterstreichen, worauf
Alessandro
Scarlattis seit 300 Jahren nirgends gezeigte Oper „Il Cambise –
Geliebter Feind“ in
rasanten und bewegenden Tönen verweist: auf die gleichermaßen
zerstörerische
Kraft von Liebe und Hass.
Und gerade weil Rathke den bravourösen Sängerinnen und Sänger auf diese
„kommentierte“ Weise Freiraum zur Konzentration auf die geläufige
Gurgel lässt,
ohne sie dabei jemals zu lapidarer Untätigkeit zu verdammen, wird auch
noch ein
Gesangsfeuerwerk daraus. Denn der Alte-Musik-Spezialist Alessandro
Quarta hat
am Rezitativ-Cembalo und am Pult der befeuert flinken Philharmoniker
ein enorm
starkes Ensemble an den Händen.
Der persische König Cambise zieht zweifach als Eroberer in die Schlacht
um
Ägypten: als Feldherr und verkleidet als erotischer Verführer. Die
sizilianische
Altistin Adriana di Paola begeistert mit viriler Attacke und glühendem
Schmelz.
Dass sie mit dem spürbaren Willen zu maximalem Farbausdruck auch mal
ein
paar Töne verreißt – geschenkt!
Lauter starke Sängerinnen für die nach 300
Jahren
wiederbelebte Barockoper Scarlattis
Dazu passen die umgarnten ägyptischen Königinnen kontrastierend
perfekt. Als
amtierende Rossane, offenbar eine Nachfahrin Nofretetes, lässt die
amerikanische Sopranistin Shakèd Bar lauter absolut perfekt glitzernde
Stimmraketen abbrennen. Und die Römerin Maria Elena Pepi gibt mit
sanfterem
Timbre die hinreißend empfindsame Mezzosopran-Schwester.
Drumherum fighten Kämpfer mit imposanter stimmlicher Statur: der Tenor
César
Cortés als arabischer König Orconte, Ensemble-Mezzo Tatia Jibladze als
ägyptischer General und Sopran Vigdis Bergitte Unsgard als sein
persischer, aber
auch homoerotisch empfänglicher Feind Argiro.
Krieg der Herzen und etwas Humor:
Musiktheater-Erlebnis in
Kiel
Die Diener Lidia und Sergio, in der neapolitianischen Operntradition
bereits mit
komischen Zügen Wegbereiter der Buffa, werden von der Regie als Outlaws
mit
plattdeutschem Zungenschlag (in den Obertitel-Übersetzungen der
italienischen
Originalsprache) gezeichnet. Heike Wittlieb und Matteo Maria Ferretti
füllen das
ganz köstlich mit einer schon Pergolesi und Rossini vorausahnenden
Attitüde
aus.
Joachim Rathke verwendet sie als unbeschwerte Radler zwischen der
glanzvollen
höfischen Vergangenheit und dem durch heißen Herzenskrieg in Rauch und
Zerstörung auf Links gedrehten Glaspalast in einer heute bestürzend
aktuellen,
wenn auch in der Konzeption 2020 noch gar nicht abzusehenden Gegenwart.
Die
Ausstatterin Lena Scheerer hat für die Produktion eine ganz
„eigen-artig“
eigenständige Bühnen- und Kostümanmutung zwischen Neobarockpomp und
Computerspiel entworfen.
Diese insgesamt schräge Mixtur der Bild- und Bewegungssprachen muss man
vielleicht nicht unbedingt mögen. Aber im uneingeschränkten
Premierenjubel
bleibt kein Zweifel, dass hier eine veritable und diskussionswürdige
Wiederbelebung gelungen ist.
„Il Cambise“, in Kiel um „Geliebter Feind“ im Titel erweitert, ist
bislang nur einmal
inszeniert worden und das vor 303 Jahren, am 4. Februar 1719 am Teatro
San
Bartolomeo in Neapel. Alessandro Quarto, Spiritus Rector und zugleich
musikalischer Leiter dieses musikalischen Ereignisses, hat das
Aufführungsmaterial erstellt. Sein Fund stammt ebenfalls aus Neapel,
aus der
Bibliothek des dortigen Musikkonservatoriums. Das, was jetzt zumindest
als eine
deutsche Erstaufführung präsentiert wurde, enthält zudem noch
Zwischensätze aus
Scarlattis „12 Sinfonie di Concerto grosso“ und aus einer Serenata.
Scarlatti war ein
fleißiger Opernkomponist. Dies ist seine vierzigste, doch zugleich
letzte. In ihr hält
er sich nur teils an Hergebrachtes, nutzt zwar die Polyphonie, weist
dennoch in
vielem stilistisch über seine Zeit hinaus. So findet sich weniges im
starren Prinzip
der üblichen Da-capo-Arie, dafür gibt es etliche Ensemble-Formen bis
hin zum
Quartett. Zudem ist das Ernste mit dem Heiteren vermischt und die zwei
komödiantischen Intermezzo-Figuren in das seriöse Geschehen eingefügt.
Irrungen und Wirrungen
Der Librettist Domenico Lalli, der eigentlich Sebastiano Biancardi
heißt, hatte
seinen „Helden“-Stoff wie im Barock üblich in alten Zeiten gefunden, im
sechsten
Jahrhundert vor Christus. Herodot erzählt davon, auch von der Schlacht
auf dem
Sinai, die als Vorgeschichte diente. Bei ihr haben die Perser unter
König Cambise
(vielleicht besser bekannt als Kambyses II.) im Mai 525 die Ägypter
bekriegt und
besiegt und es begann damit im Land der Pharaonen die erste
Perserherrschaft.
Aber das wäre noch kein Opernstoff. So folgt die Opernhandlung des
weiteren mehr
Lallis dramatischem Instinkt als Herodot. Denn hätte Cambise nicht den
Pharao,
sein Name Psammetich III. sei aus Gründen der Vollständigkeit
eingefügt, im Kampf
erschlagen und hätte der das Bild seiner jüngsten Schwester, der
Prinzessin Mirena,
nicht mit sich getragen, hätte Cambise es ihm nicht rauben und es seine
Wirkung
nicht entfalten können. Wie es auch in anderen Opern sich ereignet,
muss auch
dieses Bildnis „bezaubernd“ schön gewesen sein, so dass der Perser
seinen
Gefühlen folgte und als Krieger Sidaspe (und natürlich verkleidet) nach
Memphis
reiste. Dort war Mirandas ältere Schwester Rossane derweil Pharaonin
geworden.
Wie es kommen musste, verliebten sich just nun aber beide Schwestern in
den
zunächst geheimnisvollen Fremdling, was Böses ahnen lässt. Aber auch so
wäre
der Plot noch zu einfach.
Deshalb übergibt Cambise seinem General Argiro die Befehlsgewalt,
allerdings mit
der Weisung, Ägypten nur erneut anzugreifen, wenn Cambises (oder
Sidaspes)
Plan, die Hand von Mirena zu bekommen, nicht aufgehen würde. Er wollte
auf dem
Felde der Liebe streiten und bot Frieden, wenn Mirena sich ihm ergab.
Pech nur,
dass gleich zwei männliche Mitstreiter um die Gunst der Damen vorhanden
waren.
König Orconte von Arabien war der eine, offizieller Bewerber um die
jüngere der
königlichen Schwestern und auch deshalb zur Hilfe gegen Cambises
kriegerische
Perser verpflichtet, und Prinz Ernesto der andere. Er war bereits der
Verlobte der
nun gerade Herrscherin Gewordenen, der also von Rossane. Das ist nun
durchaus
eine vertrackte Situation, aus der sich drei Akte trefflicher Wirrung
gestalten lassen.
Eine bunte Inszenierung
Wirrungen sind das auch für den heutigen Opernfreund, der in Intrigen
und
spontanen Irrungen nicht so geschult ist. Das macht aber nichts. Denn
die
raffinierte Bühnenausstattung von Lena Scheerer half wie vor allem die
Inszenierung von Joachim Rathke. Das Vorspiel ließ er als Schattenspiel
mit
inverser Farbgebung darstellen, die Figuren also weiß und alles andere
im Dunklen.
Dafür wurden die späteren Motivationen der Damen sichtbar, so zum
Beispiel, dass
vor allem Rossane dem echten Perserkönig nicht vergeben könne. Er hat
ja ihren
Bruder getötet, weshalb sie, dem Opernbesucher stets sichtbar, heftig
trauert. Sie
trägt nämlich ihren Bruder ständig im Arm, als Asche in einer Urne.
Solange sie
nicht weiß, dass Sidaspe der verkleidete Cambise ist, daher ihr
Erzfeind, geht alles
gut. Nur ändert sich das. Deshalb ist das Ende dann doch so verworren,
wie eine
Barockoper eben sein muss.
Verständnishilfe
In Kiel besann man sich wieder auf den schon mehrmals dienlichen
Effekt, die
Personen zu doppeln. Was die Sänger zum Verständnis über das Wort und
den
Gesang an Stimmakrobatik liefern müssen, lieferten zum anderen vier
Damen und
vier Herren mit körperlichem Ausdruck, gestenreich und nonverbal. Wer
das
Bewegungsvokabular von klassischem oder modernem Ballett einigermaßen
kennt,
war bei ihrem Bewegungsstil dennoch verloren. Es wird unter Urban Dance
subsumiert und enthält vielerlei Facetten, die sich auswahlweise und
alphabetisch
geordnet beispielsweise Footwork oder Hip Hop nennen, Jumpstyle,
Locking, auch
Waving oder Whining. Daraus hatte die Choreografin Anja Jadryschnikova
mit ihren
Tänzern ein Bewegungsrepertoire entwickelt, das „Ausdruck von
Emotionen“ und
zugleich zeitlos ist. „Und ob diese Emotionen 300 Jahre alt sind oder
von heute,
spielt keine Rolle“, stellt sie im Programmheft fest.
Die meisten der Bewegungen lassen sich unmittelbar deuten. Manches
vertieft den
Ausdruck der Musik und hilft, der Musiksprache Scarlattis zu folgen,
dies vor allem
bei den reinen Instrumentalstücken mit ihrem Versuch,
Zwischenhandlungen zu
illustrieren. Zu vermuten ist zudem, dass diese Art des Tanzes ein sehr
junges
Publikum mehr anspricht als klassisches Ballett und so möglicherweise
neues
Publikum anzieht. Es wäre zu wünschen. Schließlich sei angemerkt, dass
ein
puristisches Musizieren in historisch korrekter Form nicht Aufgabe
eines
Stadttheaters sein kann. In dieser Melange allerdings ist die
Barocksprache
mitreißend, vor allem durch die so engagierte wie differenzierte
Leitung von
Alessandro Quarta.
Sein vitales Dirigieren inspirierte alle, die Musiker des Kieler
Orchesters wie die
Sänger auf der Bühne. Darunter war der makellose, auch in der Tiefe
markante
Mezzo von Adriana di Paola zu bewundern. Er gab der Titelfigur Stärke
und Würde,
aber auch im Finale der Enttäuschung Klang, das Ziel nicht erreicht zu
haben. Die
beiden Schwestern unterschieden sich charaktervoll. Die Rossane gab
Shakèd Bar
lebendig wie klar, glaubhaft in fordernder Strenge, während Maria Elena
Pepi mit
ihrem schönen Mezzo die Mirena als eine empfindsame Frau zu zeichnen
verstand.
Soweit musste das Theater Kiel Gäste verpflichten, hatte aber auch aus
dem
Ensemble passende Stimmen. Darunter war wie immer Tatia Jibladze als
Ernesto
mit ihrem verlässlichen wie wandlungsfähigen Alt, zudem der weichere
Sopran von
Vigdis Bergitte Unsgård als Argiro, schließlich der lebendige Tenor von
César
Cortés, der Orconte Stärke und Tatkraft gab. Mit besonderem Spaß
gestalteten
Heike Wittlieb und Matteo Maria Ferretti ihre komischen Partien als
Dienerpaar.
Fazit
Kiel zeigt sich mutig und geschickt, solch einen musikalischen wie
opernhaften
Schatz zu heben. Das Premierenpublikum dankte dafür mit begeistertem
Applaus.