Solo mit Beckett: Kammerschauspielerin Almuth Schmidt
fasziniert mit
„Rockaby“ im Studio des Kieler Schauspielhauses
Ganz in Schwarz thront sie über dem Abend wie einst Winnie in
„Glückliche
Tage“. Den Blick ins Weite gerichtet, unter sich ein Halbrund, das sich
breitet
wie ein Rock. Reminiszenz an 2007, als Almuth Schmidt in dem
Beckett-Stück
im Studio des Schauspielhauses Kiel spielte, mit Olaf Salmon in der
Rolle
ihres Widerparts Willie.
Jetzt steht Almuth Schmidt wieder mit Beckett auf der Bühne. „Rockaby“
heißt der Monolog, den der irische Dramatiker (1906-1989) 1980 schrieb.
Eine
in strenge Wiederholung gefasste Litanei, ein Poem vom Ende der Tage,
von
der Einsamkeit und vom Vergehen der Zeit.
Derweil ist die Kammerschauspielerin herabgestiegen von ihrem Ausguck,
hat sich unten auf der Bühne eingeigelt in einen Schaukelstuhl, den
„Wippstuhl“, wie sie sagt. Hier lauscht sie ihrer eigenen Stimme, wie
sie vom
Band kommt, die immergleichen Sätze abarbeitet.
Nur manchmal stimmt die Schauspielerin ein, mit einem energischen
„Weiter“
oder als stilles Echo ihrer selbst. Eine Frau am Ende ihres Lebens,
Chor und
Verstärker zugleich in diesem Duett mit sich selbst, das
Selbstbeschwörung
ist oder vielleicht doch ein Wiegenlied.
Sehr pur und hoch konzentriert hat Regisseur Joachim Rathke den Abend
eingerichtet, „Rockaby“ außerdem mit zwei Erzählungen kombiniert.
Bühnenbildnerin Nina Sievers hat dafür den perfekten Raum geschaffen,
irgendwo zwischen Künstlerkabinett, Gruft und Hinterbühne. So
entwickelt
sich zwischen Lakonie und wachsender Dringlichkeit der Monolog in einen
Abschied, bis sie einfach sagt: „Wipp sie weg, wipp sie weg“.
Stattdessen aber rappelt sich Almuth Schmidt hoch aus dem Stuhl, reibt
sich
die Augen - und beginnt einer stummen Garderobenfrau (Carola Bock) zu
erzählen. Von damals, als sie Winnie war. Eine anspruchsvolle Rolle
sowieso
- und dann fiel eines Abends der Knopf in ihrem Ohr aus, und damit auch
der
Souffleur, der in den Vorstellungen unter dem Bühnenbild saß. „Wir
haben so
gelacht danach“, sagt sie lebhaft. „Da konnten wir das, weil es vorbei
war.“
Ein Satz, der sich gut mit Beckett fügt.
Sehr klar und mit großer Präsenz liest und spricht Almuth Schmidt die
Texte.
Mal lakonisch, mal dringlich fasst sie das Gegenständliche der Sprache
und
reiht die Worte wie Fundstücke, deren Zusammenhang sich erst noch
erschließen ,muss. Da wird das „Bing“ in der gleichnamigen Erzählung
zum
Schluckauf, einem Störgeräusch, das sich hartnäckig in den Text mischt.
Und
dann ist da noch das wogende Gedächtnis in „Schluss jetzt“, mit dem
Schmidt das Zwiegespräch mit der eigenen Bandstimme fortsetzt.
So schwingt der Abend zwischen Theater und Spoken-Word-Performance,
Sein und Nichtsein.
Und auf der Bühne, mittlerweile zum Spiegelkabinett gewandelt, entsteht
ein
Echoraum der Erinnerung. Ein funkelnder Auftritt für die
Kammerschauspielerin, die seit 1981 am Theater Kiel viele einprägsame
Auftritte hatte - von Fräulein Schneider in „Cabaret“ bis zur stummen
Beobachterin in „Madame Butterfly“. Großer Applaus.
Mit Rockaby – Schluss jetzt – Bing im Schauspielhaus Kiel
lotet
Kammerschauspielerin Almuth Schmidt, die bereits seit 1981 dem Ensemble
des Kieler Schauspielhauses angehört, mit ihrer Darbietung die
Grenzbereiche menschlicher Existenz aus. Der Abend setzt sich aus drei
Texten zusammen, die einerseits szenisch, andererseits in Form einer
Lesung
vorgetragen werden. Mit minimalistischer Sprache und eindringlichen
Monologen entfaltet sich die beklemmende Stimmung der Texte und die
zermürbende Endlosigkeit der Einsamkeit, die Samuel Beckett so
meisterhaft
aufs Papier brachte. Almuth Schmidts Performance pendelt dabei zwischen
nahezu stummer Resignation und eruptiver Verzweiflung, wodurch sie den
drückenden Nihilismus und die tiefen Fragen nach dem Sinn des Daseins
in
den Vordergrund rückt.
Mit dem Kammerspiel Rockaby, in dem die Hauptfigur, eine ältere
Frau, sich
in ihrem Wippstuhl in Erinnerungen und Verlusten verfängt, eröffnet die
Schauspielerin den Abend. Der Monolog vom Tonband, der durch den
minimalistischen Einsatz der tatsächlichen Stimme doch den Dialog
streift,
wenn die alte wippende Protagonistin ihre Gedanken in kleinen Pausen
durch
ein »Weiter!« wieder anzuschieben scheint, verstärkt das Gefühl der
Einsamkeit. Die Inszenierung von Regisseur Joachim Rathke, der nach
ersten
Berührungen mit Rockaby in seiner Jugend vom Stück fasziniert
ist, setzt auf
ein subtiles, aber kraftvolles Bühnenbild von Nina Sievers, das den Ton
der
Texte unterstützt. Durch eine gedämpfte Beleuchtung und sparsame
Requisiten entsteht eine fast schon zeitlose Atmosphäre, die den Fokus
auf
die Worte und die intensiven Empfindungen des Gesagten lenkt. Besonders
Rockaby mit seinem verstörenden Rhythmus des Schaukelstuhls
zieht die
Zuschauer*innen in eine hypnotische, fast tranceartige Spannung. Schluss
jetzt und Bing dagegen spielen noch stärker mit der
Auflösung des
Verständlichen, wodurch die Abgründe der Isolation und Sprachlosigkeit
nahezu greifbar werden. In Schluss jetzt setzt Beckett das
Thema Isolation in
einem verstörenden Gespräch mit einem inneren Dialog fort. […]
Almuth Schmidt meistert die emotionale und sprachliche Herausforderung,
die Beckett den Schauspielenden abverlangt und bringt mit ihrer
Ausdrucksstärke eine große Intensität auf die Bühne. In dieser
Produktion
geht es nicht nur um die Darbietung eines Stücks, sondern um eine
Erfahrung der existenziellen Einsamkeit und die Fragen, die tief in der
menschlichen Psyche verborgen sind. Die Grand Dame des Kieler Ensembles
zieht das Publikum so in eine Welt, in der das Selbstverständliche
zerfällt und
Raum für Fragen nach der eigenen Vergänglichkeit und der Bedeutung des
Lebens entsteht. Ihre zurückliegende Karriere betrachtet Almuth Schmidt
retrospektiv zwischen den drei Texten aber dennoch als Teil der
Inszenierung
in einem Gespräch mit einer weitestgehend stummen Garderobendame
(Carola Bock). In humoristischer Weise lässt Schmidt dabei ihre
Bühnenjahre
Revue passieren und macht auch nicht vor der Intendanz halt.
Die meisterhafte Premiere dieses Werkes hinterlässt eine anhaltende
Wirkung
und fordert zur Reflexion über die eigene Existenz heraus. Mit Rockaby
–
Schluss jetzt – Bing hat das Schauspielhaus Kiel eine beklemmende
und
kraftvolle Inszenierung geschaffen, die Samuel Becketts Werk auf eine
Weise
auf die Bühne bringt, die lange nachhallt.
[…] „Rockaby“, das für diesen Abend im Studio des Schauspielhauses
namensgebende Stück aus dem Jahr 1980, ist so gesehen ein recht
typisches
Beckett-Werk. Schließlich zeigt es den Prozess des Sterbens und die
letzten
Momente des Bewusstseins, in stark reduzierter, dafür aber fast schon
rhythmischer Sprache. Auch das Bühnen-Setting passt dazu: Eine alte
Frau
sitzt allein auf der Bühne, schwarz gekleidet in einem weißen
Schaukelstuhl.
Das Licht ist gedimmt und fast alles, was in diesem Einakter gesagt
wird,
kommt vom Band.
Neben der Inszenierung von „Rockaby“, dessen Titel übrigens auf das
englische Kinderlied „Rock-a-bye Baby“ anspielt, trägt Almuth Schmidt
an
diesem Abend unter der Regie von Joachim Rathke noch zwei weitere
Beckett-Prosatexte als Lesung vor: „Bing“ und „Schluss jetzt“.
Verknüpft werden die drei Hauptbestandteile des Abends durch
kurzweilige
Anekdoten, bei denen Schmidt das Publikum ins Jahr 2007 zurückführt,
als
sie in der Rolle der Winnie in einem anderen Stück von Beckett,
„Glückliche
Tage“ nämlich, auf ebendieser Bühne im Studio des Schauspielhauses
stand.
Wer also Lust auf gelungene Mischung aus existenzialistischen Themen
und
unterhaltsamen Geschichten hat, kommt mit dem Abend „Rockaby – Schluss
jetzt – Bing“ voll auf die Kosten.