Aus: „Kieler Nachrichten“ vom 6.11.2024

Ruth Bender: „Zwischen Lakonie und wachsender Dringlichkeit“

Solo mit Beckett: Kammerschauspielerin Almuth Schmidt fasziniert mit „Rockaby“ im Studio des Kieler Schauspielhauses
Ganz in Schwarz thront sie über dem Abend wie einst Winnie in „Glückliche Tage“. Den Blick ins Weite gerichtet, unter sich ein Halbrund, das sich breitet wie ein Rock. Reminiszenz an 2007, als Almuth Schmidt in dem Beckett-Stück im Studio des Schauspielhauses Kiel spielte, mit Olaf Salmon in der Rolle ihres Widerparts Willie.
Jetzt steht Almuth Schmidt wieder mit Beckett auf der Bühne. „Rockaby“ heißt der Monolog, den der irische Dramatiker (1906-1989) 1980 schrieb. Eine in strenge Wiederholung gefasste Litanei, ein Poem vom Ende der Tage, von der Einsamkeit und vom Vergehen der Zeit.

Derweil ist die Kammerschauspielerin herabgestiegen von ihrem Ausguck, hat sich unten auf der Bühne eingeigelt in einen Schaukelstuhl, den „Wippstuhl“, wie sie sagt. Hier lauscht sie ihrer eigenen Stimme, wie sie vom Band kommt, die immergleichen Sätze abarbeitet.
Nur manchmal stimmt die Schauspielerin ein, mit einem energischen „Weiter“ oder als stilles Echo ihrer selbst. Eine Frau am Ende ihres Lebens, Chor und Verstärker zugleich in diesem Duett mit sich selbst, das Selbstbeschwörung ist oder vielleicht doch ein Wiegenlied.
Sehr pur und hoch konzentriert hat Regisseur Joachim Rathke den Abend eingerichtet, „Rockaby“ außerdem mit zwei Erzählungen kombiniert. Bühnenbildnerin Nina Sievers hat dafür den perfekten Raum geschaffen, irgendwo zwischen Künstlerkabinett, Gruft und Hinterbühne. So entwickelt sich zwischen Lakonie und wachsender Dringlichkeit der Monolog in einen Abschied, bis sie einfach sagt: „Wipp sie weg, wipp sie weg“.

Stattdessen aber rappelt sich Almuth Schmidt hoch aus dem Stuhl, reibt sich die Augen - und beginnt einer stummen Garderobenfrau (Carola Bock) zu erzählen. Von damals, als sie Winnie war. Eine anspruchsvolle Rolle sowieso - und dann fiel eines Abends der Knopf in ihrem Ohr aus, und damit auch der Souffleur, der in den Vorstellungen unter dem Bühnenbild saß. „Wir haben so gelacht danach“, sagt sie lebhaft. „Da konnten wir das, weil es vorbei war.“ Ein Satz, der sich gut mit Beckett fügt.
Sehr klar und mit großer Präsenz liest und spricht Almuth Schmidt die Texte. Mal lakonisch, mal dringlich fasst sie das Gegenständliche der Sprache und reiht die Worte wie Fundstücke, deren Zusammenhang sich erst noch erschließen ,muss. Da wird das „Bing“ in der gleichnamigen Erzählung zum Schluckauf, einem Störgeräusch, das sich hartnäckig in den Text mischt. Und dann ist da noch das wogende Gedächtnis in „Schluss jetzt“, mit dem Schmidt das Zwiegespräch mit der eigenen Bandstimme fortsetzt.
So schwingt der Abend zwischen Theater und Spoken-Word-Performance, Sein und Nichtsein.
Und auf der Bühne, mittlerweile zum Spiegelkabinett gewandelt, entsteht ein Echoraum der Erinnerung. Ein funkelnder Auftritt für die Kammerschauspielerin, die seit 1981 am Theater Kiel viele einprägsame Auftritte hatte - von Fräulein Schneider in „Cabaret“ bis zur stummen Beobachterin in „Madame Butterfly“. Großer Applaus.



Aus: „Der Albrecht“ vom 20.11.2024

Finn Schamerowski: „Vergehen und vergessen“

Mit Rockaby – Schluss jetzt – Bing im Schauspielhaus Kiel lotet Kammerschauspielerin Almuth Schmidt, die bereits seit 1981 dem Ensemble des Kieler Schauspielhauses angehört, mit ihrer Darbietung die Grenzbereiche menschlicher Existenz aus. Der Abend setzt sich aus drei Texten zusammen, die einerseits szenisch, andererseits in Form einer Lesung vorgetragen werden. Mit minimalistischer Sprache und eindringlichen Monologen entfaltet sich die beklemmende Stimmung der Texte und die zermürbende Endlosigkeit der Einsamkeit, die Samuel Beckett so meisterhaft aufs Papier brachte. Almuth Schmidts Performance pendelt dabei zwischen nahezu stummer Resignation und eruptiver Verzweiflung, wodurch sie den drückenden Nihilismus und die tiefen Fragen nach dem Sinn des Daseins in den Vordergrund rückt.
Mit dem Kammerspiel Rockaby, in dem die Hauptfigur, eine ältere Frau, sich in ihrem Wippstuhl in Erinnerungen und Verlusten verfängt, eröffnet die Schauspielerin den Abend. Der Monolog vom Tonband, der durch den minimalistischen Einsatz der tatsächlichen Stimme doch den Dialog streift, wenn die alte wippende Protagonistin ihre Gedanken in kleinen Pausen durch ein »Weiter!« wieder anzuschieben scheint, verstärkt das Gefühl der Einsamkeit. Die Inszenierung von Regisseur Joachim Rathke, der nach ersten Berührungen mit Rockaby in seiner Jugend vom Stück fasziniert ist, setzt auf ein subtiles, aber kraftvolles Bühnenbild von Nina Sievers, das den Ton der Texte unterstützt. Durch eine gedämpfte Beleuchtung und sparsame Requisiten entsteht eine fast schon zeitlose Atmosphäre, die den Fokus auf die Worte und die intensiven Empfindungen des Gesagten lenkt. Besonders Rockaby mit seinem verstörenden Rhythmus des Schaukelstuhls zieht die Zuschauer*innen in eine hypnotische, fast tranceartige Spannung. Schluss jetzt und Bing dagegen spielen noch stärker mit der Auflösung des Verständlichen, wodurch die Abgründe der Isolation und Sprachlosigkeit nahezu greifbar werden. In Schluss jetzt setzt Beckett das Thema Isolation in einem verstörenden Gespräch mit einem inneren Dialog fort. […]
Almuth Schmidt meistert die emotionale und sprachliche Herausforderung, die Beckett den Schauspielenden abverlangt und bringt mit ihrer Ausdrucksstärke eine große Intensität auf die Bühne. In dieser Produktion geht es nicht nur um die Darbietung eines Stücks, sondern um eine Erfahrung der existenziellen Einsamkeit und die Fragen, die tief in der menschlichen Psyche verborgen sind. Die Grand Dame des Kieler Ensembles zieht das Publikum so in eine Welt, in der das Selbstverständliche zerfällt und Raum für Fragen nach der eigenen Vergänglichkeit und der Bedeutung des Lebens entsteht. Ihre zurückliegende Karriere betrachtet Almuth Schmidt retrospektiv zwischen den drei Texten aber dennoch als Teil der Inszenierung in einem Gespräch mit einer weitestgehend stummen Garderobendame (Carola Bock). In humoristischer Weise lässt Schmidt dabei ihre Bühnenjahre Revue passieren und macht auch nicht vor der Intendanz halt.
Die meisterhafte Premiere dieses Werkes hinterlässt eine anhaltende Wirkung und fordert zur Reflexion über die eigene Existenz heraus. Mit Rockaby – Schluss jetzt – Bing hat das Schauspielhaus Kiel eine beklemmende und kraftvolle Inszenierung geschaffen, die Samuel Becketts Werk auf eine Weise auf die Bühne bringt, die lange nachhallt.



Aus: „KIELerleben“ vom 22.11.2024

Sebastian Schack: „Kammerschauspielerin Almuth Schmidt lädt zu einem intimen Abend mit Texten von Samuel Beckett“

[…] „Rockaby“, das für diesen Abend im Studio des Schauspielhauses namensgebende Stück aus dem Jahr 1980, ist so gesehen ein recht typisches Beckett-Werk. Schließlich zeigt es den Prozess des Sterbens und die letzten Momente des Bewusstseins, in stark reduzierter, dafür aber fast schon rhythmischer Sprache. Auch das Bühnen-Setting passt dazu: Eine alte Frau sitzt allein auf der Bühne, schwarz gekleidet in einem weißen Schaukelstuhl. Das Licht ist gedimmt und fast alles, was in diesem Einakter gesagt wird, kommt vom Band.
Neben der Inszenierung von „Rockaby“, dessen Titel übrigens auf das englische Kinderlied „Rock-a-bye Baby“ anspielt, trägt Almuth Schmidt an diesem Abend unter der Regie von Joachim Rathke noch zwei weitere Beckett-Prosatexte als Lesung vor: „Bing“ und „Schluss jetzt“.
Verknüpft werden die drei Hauptbestandteile des Abends durch kurzweilige Anekdoten, bei denen Schmidt das Publikum ins Jahr 2007 zurückführt, als sie in der Rolle der Winnie in einem anderen Stück von Beckett, „Glückliche Tage“ nämlich, auf ebendieser Bühne im Studio des Schauspielhauses stand.
Wer also Lust auf gelungene Mischung aus existenzialistischen Themen und unterhaltsamen Geschichten hat, kommt mit dem Abend „Rockaby – Schluss jetzt – Bing“ voll auf die Kosten.



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